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Gespräch mit Erich Kästner

29. Juli 2021

Geschrieben an einem regnerischen Tag, beim Schmökern in alten Büchern, im Juli 2021. Veröffentlicht zum Gedenken an Erich Kästner am 29. Juli, dem Jahrestag seines Todes am 29. Juli 1974.

Vor 10 Jahren habe ich hier Erich Kästner ein Zitat zugeschrieben: „Entweder man lebt, oder man ist konsequent“. Der Satz ist für mich zeitlos und deshalb hat mein alter Beitrag auch ein paar Ergänzungen erhalten. Nun entwickelte sich eines meiner Zwiegespräche von (Sternzeichen) Zwilling zu Zwilling. Diesmal als Sven Meier in einem fiktiven Gespräch mit Erich Kästner:

„“

Moin Herr Kästner, schön dass sie Zeit für mich haben.

Keine Ursache, davon habe ich zurzeit unendlich viel.

Kommen wir gleich zur Sache. Ihnen wird der Satz „Entweder man lebt, oder man ist konsequent“ zugeschrieben …

So, wird er das?

Ja, laut Internet ja …

Glauben sie alles, was in diesem Internet steht? Ich kann mich nicht erinnern, den Satz jemals gesagt zu haben.

Nein, glaube ich nicht. Also dem Internet glaube ich nicht. Und ich muss zugeben, dass ich auch keine Quelle kenne, wann sie das wo gesagt haben sollen. Eine Interpretation kenne ich, dass der Satz aus der Nazi-Zeit von ihnen stammen soll …

Ein Schriftsteller wie ich will und muss Zeitzeuge bleiben, um eines Tages schriftlich Zeugnis ablegen zu können, wie das eigene Volk in schlimmen Zeiten sein Schicksal ertragen hat.

Das ist ihnen – für mich – eindrücklich gelungen. Sie haben sich damals mit der Alltagssituation arrangiert, nicht aber mit den Nationalsozialisten, sie haben das Nazi-Regime überlebt, ohne Nazi zu sein …

Notabene 45 …

… ja, und sie haben stets davor gewarnt, wehret den Anfängen, dass sich die Nazi-Zeit nicht wiederholen darf.

Vielleicht nicht genug. Oder ich gerate in Vergessenheit. Wenn ich heute sehe, dass wieder Rechtsextremisten und Faschisten auf den Straßen randalieren, Anschläge verüben, töten und sogar in deutschen Parlamenten sitzen, habe ich erhebliche Zweifel. Begründete Zweifel.

Ja, zurecht. Vielleicht sind sie heute mehr wegen ihrer Kinderbücher in Erinnerung, als dass sie ebenso als Pazifist für den Respekt gegenüber jungen Menschen geworben und zu einem Leben frei von Unterwürfigkeit ermutigt haben. Das soll heute mein Thema sein. Wie würden sie heute den Satz „Entweder man lebt, oder man ist konsequent“ interpretieren?

Noch einmal: Ich kann mich nicht erinnern, den Satz jemals gesagt zu haben. Wenn, dann war es höchsten eine Antwort zu einer Frage über meine Zeit während des Dritten Reichs. Dann hätte die Antwort jedoch lauten müssen: „Entweder man hat überlebt, oder man war konsequent gegen die Nazis.“ Das mir zugeschriebene Zitat wäre somit aus dem Kontext gerissen und verfälscht. Ich möchte so nicht zitiert werden. Stellen sie sich vor, Faschisten würden das heute gebrauchen …

Habe ich noch nie gehört oder gelesen …

… das macht die Sache nicht besser. Das ist eine ambivalente Aussage für alles und jeder kann sich den Satz hinbiegen wie er es will. Das ist nicht mein Stil.

Das verstehe ich. Dennoch, wollen sie es mal versuchen, Stichwort „Jugend, Friday for Future“?

Na gut. Ich bewundere die Jugend von heute. Jedenfalls die, die sich Gedanken um die Erde machen und für ihre Zukunft kämpfen. Und die ihrer ungeborenen Kinder. Nur fehlt es ihnen gegenüber bisweilen an dem nötigen Respekt, sie werden häufig nicht ernst genommen. Aber glauben sie mir, sie haben Recht, ich habe da einen guten Überblick. Wenn das Klima kippt, und wenn es so weitergeht wie bisher, wird es kippen, dann sind die Veränderungen der ökologischen Systeme irreversibel. Eine absehbare Regeneration wird unmöglich. Ergo: Es wird eine komplett veränderte Lebensgrundlage für die Menschheit geben. Für die zukünftigen Generationen.

Also man lebt, wie bisher so weiter, oder man ist konsequent und tritt für den Klimaschutz ein?

Wenn sie so wollen, ja.

Unsere Gesellschaft ist nach meiner Wahrnehmung in dem Punkt gespalten. Unser amtierender Wirtschaftsminister sagt, „Klimaschutz wird nur dann funktionieren, wenn unser Wohlstand dadurch nicht gefährdet wird“.

Wenn sich eine Gesellschaft nicht mehr auf grundlegende Werte einigen kann, hat sie kein Fundament mehr. Wenn sie sich nicht einig in dem ist, was wichtig ist und Priorität haben muss, was wahr und was falsch ist, dann wird es schwierig einen Konsens zu finden. Und mit Verlaub: Wohlstand wird nur dauerhaft funktionieren, wenn es mit dem Klimaschutz klappt. So rum wird ein Schuh draus.

Ja, würde es nach Kanzlerin Frau Dr. Merkel gehen, würde mehr für den Klimaschutz getan. Sie hat zuletzt, wo das Ende ihrer Amtszeit naht, quasi als Vermächtnis für ihren Nachfolger oder Nachfolgerin, mehr als einmal fast wörtlich gesagt, dass die objektiven Gegebenheiten es erfordern, dass man beim Klimaschutz so nicht weiter machen kann, sondern schneller werden muss.

Gut. Sie ist von Haus aus Naturwissenschaftlerin. Sie weiß das, sie kennt die Zusammenhänge. Wichtig ist, was sie nicht gesagt hat …

… das wäre?

… das wäre, dass sie gegen viele Widerstände ankämpfen musste, besonders in ihrer eigenen Partei. Und gegen die Lobbyisten – wobei das eine das andere wahrscheinlich noch nicht einmal ausschließt. Aber ich bin zu weit weg, um das beurteilen zu können. Sie ahnt zumindest, dass vieles, was heute vor der Wahl gesagt wird, nicht mehr als Lippenbekenntnisse sind.

Droht uns ein Armageddon?

Drohen? Die Gefahr ist gegenwärtig. Der Klimawandel hat doch längst eingesetzt. Statt zu begreifen, dass die Menschheit Opfer ihrer eigenen Taten ist, wird über die Höhe des anthropogenen Anteils gestritten. Im Grunde ist der doch egal. Es geht doch nur noch darum, den möglichst zu eliminieren. Heute an den Küsten die Deiche zu erhöhen und sie danach „Klimadeiche“ zu nennen, wird nicht ausreichen.

Also brauchen wir mehr Konsequenz im Handeln.

Ja. Wo wurde denn beim Klimaschutz bislang ernsthaft der Versuch unternommen, das zu tun, was getan werden muss? Auf andere zu zeigen und zu behaupten, das geht alles nicht, weil die Menschen nicht mitmachen, ist nicht zielführend.

Das klingt für mich alles nicht sehr optimistisch …

Junger Mann: Ich bin 1899 geboren …

Wie mein Großvater – und jung, na ja …

… dann hoffe ich, ihr Großvater hat ihnen viel erzählt. Optimismus? Vielleicht habe ich zu oft gehofft, dass nicht sein wird, was nicht sein darf. Vielleicht bin ich zu oft enttäuscht worden. Eins habe ich widerwillig gelernt: Bei allen Hoffnungen schaut man besser der Realität ins Auge. Und die besagt, dass der Mensch an sich viel zu egoistisch, zu unkooperativ ist und seine Bildung leider Grenzen hat. Die Hoffnung, die Menschheit würde an einem Strang ziehen, um die fortschreitende Zerstörung des Planeten abzuwenden, entbehrt aktuell jeder realen Grundlage. Bisher gibt es nur Papiere, aber wo bleibt die reale Umsetzung der vielen Absichtserklärungen?

Erläutern sie bitte, wie sie das mit den „Grenzen der Bildung“ meinen.

Erstens: Bildung ist mehr als Wissen. Wissen kann speziell sein. Die Bildung eines Menschen zeichnet sich jedoch dadurch aus, dass er neben seinem Wissen auch das Weltbild in seiner geistigen, sozialen und kulturellen Wirklichkeit versteht.

Der Konsens über das Anerkannte. (1)

Ja, wie ich sagte, wenn sich eine Gesellschaft nicht mehr auf grundlegende Werte einigen kann, hat sie kein Fundament mehr. Zweitens: Vielleicht hat ihnen ihr Großvater etwas über die Propaganda im Ersten Weltkrieg und die der Nazis erzählt. Ich habe damals gehofft, dass die breite Masse der Menschen nur deshalb für einfache Antworten empfänglich war, weil sie ungebildet war und die Zusammenhänge, die Auswirkungen, nicht erkennen konnte. Aber das ist heute nicht anders. Ein Unterschied zu damals ist nur, dass neudeutsch zwischen „Fake News“, früher nannten wir das Lügen, und „Alternativen Fakten“, also wenn die Leute tatsächlich den Unsinn glauben, den sie erzählen, dass dabei jetzt unterschieden wird. Aber wie viele Menschen sind heute dafür immer noch empfänglich?

Oh ja. Wenn ich nur an die Corona-Pandemie denke. Was da nicht alles so verbreitet wird, Verschwörungstheorien …

Vielleicht bediene ich ein Vorurteil, aber das sind für mich keine gebildeten Menschen. Selbst nicht, wenn sie promoviert haben. Das sagt nur aus, dass sie ein begrenztes Spezialwissen haben, aber nichts über ihre Bildung. Kennen sie meine 13 Monate?

Ihr letzter Gedichtband, 1955?

Ja. Hier lesen sie, der letzte Absatz des Vorworts:

„Die zweite Austreibung aus dem Paradies hat stattgefunden. Und Adam und Eva haben es diesmal nicht bemerkt. Sie leben auf der Erde, als lebten sie darunter. Ausflüchte sind keine Auswege. Schussfahrten sind Ausflüchte. Was, nun gar, könnten ein paar Verse vermögen? Sie wurden trotzdem notiert. Es hatte, wieder einmal und wie so oft, das letzte Wort – das kleine Wort ‚Trotzdem‘.“

„Es tickt die Zeit. Das Jahr dreht sich im Kreise. Und werden kann nur, was schon immer war. Geduld, mein Herz. Im Kreise geht die Reise. Und dem Dezember folgt der Januar.“ Der letzte Vers aus dem „dreizehnten Monat“. Einen 13. Monat gibt es aber nur im Gedicht. Leider verhalten sich viele Menschen wider die Natur so, als könnte es doch noch einen 13. Monat geben. Hoffen sie nicht einmal drauf. Sie würden, wie ich so oft, nur enttäuscht werden.

Worte zum Nachdenken. Ich danke für das Gespräch.

(1) Der Konsens über das Anerkannte von Sven Meier unter „Dit un Dat“

837 [Inhaltsverzeichnis Sven Meier erzählt | Fotoblog]

9 Kommentare leave one →
  1. H.Schmidt permalink
    29. Juli 2021 13:28

    Wie nun mal die Dinge liegen,
    und auch wenn es uns missfällt:
    Menschen sind wie Eintagsfliegen
    an den Fenstern dieser Welt.
    Unterschiede sind fast keine,
    und was wär auch schon dabei!
    Nur: die Fliege hat sechs Beine,
    und der Mensch hat höchstens zwei.
    EK, für mich eines meiner liebsten

    Gefällt 3 Personen

  2. 29. Juli 2021 15:36

    Erich Kästner hätte wahrscheinlich so argumentiert und er hätte recht. Wieder mal ein Beitrag, der das aktuelle Geschehen auf den Punkt bringt. Aber da sind eben auch die Grenzen der Bildung derer, die sich weigern, Zusammenhänge zu erkennen und über den eigenen Horizont zu blicken. Ich würde das in vielen Fällen ideologische Grenzen nennen, denn wenn man die Ideologie über die Realität stellt, dann kommt so etwas wie Trump heraus. Oder Hildmann. Und mit der Bedeutung von Ideologie habe ich bekanntermaßen meine Erfahrungen machen dürfen. Es waren nicht die besten.
    Nächste Woche werde ich mich dann auch mal wieder für ein paar Tage an die Küste begeben. 🙂
    Dir eine schöne Woche.

    Gefällt 1 Person

    • 3. August 2021 07:12

      Moin Eberhard.
      Das mit den „ideologischen Grenzen“, in „vielen Fällen“, sehe ich wie du.
      Ich muss eingestehen, dass das bei mir vor Ü40 Jahren als tatkräftiger Juso wohl auch nicht viel anders war. Na ja, wir waren jung und wollten die Welt verändern. Heute, frei nach Zille ausgedrückt, haben wir geglaubt, dass doch alle so sein müssten wie wir, bis wir später erkannt haben, dass es auch anständige Menschen gibt. 😉
      Meine Tochter meint, ich sei altersmilde geworden. Ich weiß nicht, ob ich das so sagen würde. Es sind wohl eher die Erfahrungen. Wenn man selbst in der Verantwortung steht, dann müssen Worte zu Taten werden und dann ist es vorbei mit den ideologischen Lebenslügen. Dann heißt es „Willkommen in der Realität“. Das ist im Kleinen, bspw. in einer Kommune, nicht anders als im Großen.
      Allerdings, weil du Trump erwähnt hast, bei den ganz Großen macht mir das beinahe Angst. Sollten wir nicht alle aus den Zeiten des „Kalten Krieges“ gelernt haben und froh sein, dass wir den mehr oder weniger unfallfrei überstanden haben? Ich halte es für nicht klug, wieder in alte ideologische Machtkämpfe zu verfallen.
      Grüße – und „nächste Woche“ ist ja diese, wenn du das zuhause liest, hoffe ich, dass ihr ein paar schöne Urlaubstage hattet.

      Gefällt 1 Person

  3. 30. Juli 2021 16:41

    Hallo Sven, ich verwette etwas, was mir hoch und heilig ist, wenn nicht die CDU wieder Wahlsiegerin wird und damit das Schilfrohr im Wind Bundeskanzler sein wird. Wir sind schon ohne ihn mehr oder weniger verloren, aber mit ihm geht es noch gewaltig schneller. – Nur über die Copiloten beim Regieren zum „Wohle der Bürger“ bin ich mir noch nicht ganz klar.
    Was ist bloß aus der Politik geworden – da bin ich ja 1989 vom Regen in die Traufe gekommen.
    Und tschüss sagt Clara

    Gefällt 1 Person

    • 3. August 2021 07:18

      Moin Clara.
      Na ja, ob du „vom Regen in die Traufe“ gekommen bist, kann ich nicht beurteilen. Dafür kenne ich euren damaligen Regen zu wenig 😉
      Aber stimmt schon. Wenn sich alles so nach der Wahl abzeichnen sollte, was die Umfragen uns bisher so sagen, sprich wir einen Kanzler Laschet kriegen werden, dann treibt mir das die Sorgenfalten auf die Stirn. Aber nun ja, ACHTUNG PHRASE: „Jedes Volk wählt sich die Regierung, die es verdient.
      Viele Grüße, ich hoffe, dir geht es gut. Werde nachher mal schauen, was du zuletzt so verzapft hast 😉

      Gefällt mir

  4. 1. August 2021 10:53

    Der 29. Juli war auch der „Erdüberlastungstag“. Seit dem Tag verbrauchen wir global mehr Ressourcen als binnen eines Jahres auf natürlich Weise erneuert werden kann. Allein für Deutschland betrachtet war der Tag schon Anfang Mai.
    Kästners Gedicht der „Dreizehnte Monat“ passt dazu.

    Gefällt 1 Person

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  1. Entweder man lebt, oder man ist konsequent (Erich Kästner) | Sven Meier erzählt

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