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Helmut, ich war nicht immer deiner Meinung …

10. November 2015

… aber du hattest wenigstens eine – und die wird mir nun fehlen. Chapeau!

Schmidt-Brandt-SPD-Bundesparteitag-Hannover-1973

Nachmittag. Wegen der neuesten Enthüllungen beim DFB stöbere in meinem digitalen Archiv nach einem Bericht. Mein mediales Interesse am nachrichtlichen Einheitsbrei tendiert nach wie vor Richtung null, also bleibt das Radio aus, ich höre lieber Musik von CD. Das Telefon klingelt. Am anderen Ende eine langjährige Freundin aus fast schon vergessenen Zeiten. Ich denke noch so: “Es ist weder Weihnachten noch habe ich Geburtstag”, weiter kam ich nicht. “Du hast es bestimmt schon gehört. Was sagst du dazu?” – “Was habe ich gehört? Wozu soll ich was sagen?” – “Helmut Schmidt ist tot!” – “Oh! “

Juso-Logo-3x4Was folgte war ein Abtauchen in alte Zeiten, an unsere Clique, unsere politische Motivation und wie wir uns an Helmut Schmidt, der damals gerade Bundeskanzler geworden war, gerieben haben. Wirtschafts- und Ölkrise, Atomkraft, Nato-Doppelbeschluss. Nein, wir waren, ich war, nicht immer damit einverstanden, was die Schmidt-Regierung so gemacht hat.

Wie es weiter ging, ist Geschichte. “Der Lotse ging von Bord”, die SPD verschwand für 16 Jahre in der oppositionellen Versenkung und die Grünen haben sich gegründet. Zwar ohne Erfahrung, aber mit viel Idealismus. Viele von uns träumten damals von einer rot-grünen Regierung, “die alles besser macht, ökologisch nachhaltig und ökonomisch durchdachter”, als die als konservativ erachtete Schmidt-Regierung. Aber so etwas hätte natürlich nie mit einem Kanzler Schmidt funktioniert. Vorsitzender der Jusos in Hannover, später im Bund, war damals übrigens ein gewisser Gerhard Schröder ….

Unsere Clique gibt es schon längst  nicht mehr. Durch Ausbildung, Studium und Beruf hat es uns in alle Winde verweht. Nur zu zwei, drei Leuten habe ich sporadisch noch Kontakt. Eins ist aber geblieben: Mein Reiben an Helmut Schmidt. Als “elder statesman” war er immer auf der Höhe der Zeit und hat seine Meinung nie verborgen. Auch wenn ich nach wie vor nicht immer seiner Meinung war: Helmut Schmidt hatte wenigstens eine! Das ist heutzutage keine Selbstverständlichkeit, als Verb nennt man es heute auch “merkeln”. Ok, nun hatte unsere Kanzlerin Merkel in der Flüchtlingskrise mal eine Meinung, da wird sie ihr in den eigenen Reihen um die Ohren gehauen. All das muss Helmut Schmidt sehr bekannt vorgekommen sein …. Die Geschichte wird uns die Qualität der Entscheidungen zeigen. In puncto Nato-Doppelbeschluss glaubt heute die Mehrheit, dass mit den dadurch quasi erzwungenen Abrüstungsverhandlungen ab Mitte der 80er das Ende der Sowjetunion eingeläutet und so in der Konsequenz die Deutsche Einheit erst möglich wurde. Belassen wir es dabei.  “Ich ziehe meinen Hut und verneige mich. Die aufrichtige Art wie Helmut Schmidt Dinge beim Namen genannt hat, seine Sichtweise, seine Analyse, diese Orientierungshilfen werden mir fehlen. Ein großer Mann ist gegangen – und ich sehe keinen, der für mich zurzeit diese Lücke füllen kann. Chapeau!“

Das Foto oben stammt vom SPD-Bundesparteitag im April 1973 in meiner alten Heimat Hannover. Willi Brandt und Helmut Schmidt. Der Noch- und der Bald-Kanzler, was beide aber noch nicht wissen. Das Bild schlummerte seit vielen Jahren in meinem Archiv, aber von mir ist es nicht. Falls also jemand sein Urheberrecht verletzt sehen sollte, bitte melden.

Nr. 385 ^.^

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5 Kommentare leave one →
  1. Albert permalink
    12. November 2015 17:11

    Unbestritten war Schmidt ein großer Staatsmann, ihm gebührt Ehre und Respekt.
    Nicht einverstanden bin ich – war ich nie – mit der Argumentation für den Nato-Doppelbeschluss. Ich halte es für eine späte Rechtfertigung der Befürworter, dass Gorbatschow wegen der ab 1983 in Deutschland stationierten Atomwaffen zu seiner Perestroika und in der Folge dessen zu den Abrüstungsverhandlungen gezwungen wurde. Gorbatschows Abkehr von der Breschnew-Doktrin lag in seiner Überzeugung und war keineswegs durch den Westen aufgezwungen.
    Deutschland war Anfang der 80er Jahre wegen der atomaren Aufrüstung mindestens genau so zerstritten wie heute in der Flüchtlingsfrage. Nur mit dem Unterschied, dass damals hunderttausende – die Friedensbewegung – auf die Straße gingen und dagegen demonstriert haben.
    Schröder wird bisweilen nachgesagt, er sei mit seiner Hartz-IV-Reform ein Geburtshelfer der bundesweiten Linken gewesen. In dem Sinne war Schmidt wegen seines Eintretens für den Nato-Doppelbeschluss ein Geburtshelfer der Grünen.
    Mit meiner Meinung will ich jedoch keinesfalls die Verdienste von Helmut Schmidt schmälern.
    Es grüßt Albert aus SH

    Gefällt 1 Person

    • 13. November 2015 21:45

      Und deswegen ist die SPD heute nur noch eine 20plus-Partei, weil 2 Kanzler das taten, was sie für richtig hielten und nicht das, was die Parteibasis mehrheitlich wollte.
      So wie man damals Schmidt nachsagte, er sei der beste Kanzler, nur in der falschen Partei, halten viele Merkel heute für die beste Kanzlerin, die die SPD haben kann.

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