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Absurdistan

2. Juni 2014

Vor einigen Tagen, nach der Europa-Wahl, lauschte ich ungewollt dem Gespräch zweier älteren Herren und der eine fragte, warum „Europa eigentlich Europa heißt und nicht Absurdistan?“ Den beiden ging es, glaube ich, um den zukünftigen Kommissionspräsidenten, dass sich Merkel nicht deutlich hinter den Spitzenkandidaten Junker gestellt hat.

Ich ging weiter. Aber die Gesprächsfetzen haben mich beschäftigt. „Absurdistan“. Warum heißt Europa nun wirklich Europa? Ich wusste es nicht, dachte mir, dass das bestimmt irgendetwas mit der griechischen Mythologie zu tun hat. Egal, mit mir gingen meine Gedanken weiter: „Leben wir nicht alle in einem grenzenlosen ‚Absurdistan‘?“

Sommerfest2-500

Hin und wieder habe ich „dunkle Gedanken“. Mindestens einmal habe ich die hier auch zu „Papier“ gebracht: „Gerechtigkeit! – Gerechtigkeit? Finstere Gedanken im Wandel des Klimas“. Jetzt „Absurdistan“. Ist das eine depressive Anwandlung oder nicht schlichtweg die Realität? Ist unser Leben, so wie wir es leben, nicht einfach nur ein Irrwitz der Geschichte? Die als Vergangenheit will ich hier nicht bemühen, daran ist so wie so nichts mehr zu ändern. Ich bleibe beim „heute“ und frage mich:

  • Wie absurd ist es, dass wir gegen Massentierhaltung sind, unser Fleisch aber eben gerade aus dieser Produktion beim Discounter kaufen? Beispielsweise Schweinefleisch für weniger als 5 € das Kilo.
  • Wie absurd ist es, wenn wir für „Fair Trade“ sind, für eine fairen Handel, aber dann doch oft in Läden eingekauft wird, die für „Fair Trade“ nicht unbedingt bekannt sind? Wenn dann noch unlängst die Stiftung Warentest feststellt, dass der „Lidl Fairglobe Orangensaft“, welcher das „Fair Trade“-Logo trägt, keinesfalls unter als fair zu bezeichnenden Bedingungen hergestellt wurde, stellt sich die Frage nach der Absurdität besonders. Über Textil-Discounter, wie Kik & Co., will ich hier gar nicht reden.
  • Wie absurd ist es, wenn wir alle für die Menschenrechte sind, diese als eine Selbstverständlichkeit für uns empfinden und ebenso beanspruchen, wir aber die größten Geschäfte mit Staaten machen, in denen die Menschenrechte „mit Füßen getreten“ werden? Ist „das sichert unsere Arbeitsplätze“ solch ein „Totschlagargument“, dem alles unterzuordnen ist?
  • Wie absurd ist es, wenn wir wissen, dass es „extrem wahrscheinlich ist, dass die beobachtete Erderwärmung zu mehr als 50 % vom Menschen verursacht wird“ (5. Sachstandsbericht des IPCC), wir aber im Großen und Ganzen nichts dagegen tun?

Sommerfest1-500

Mittlerweile sitze ich auf einer Bank im Park. Ein Sommerfest von Menschen mit Behinderung für Menschen mit Behinderung – und deren Angehörige, Betreuer. Eine Band spielt. Schräge Töne. Tolle Stimmung. Während ich noch so über Absurditäten sinniere, frage ich mich, wie absurd es ist, wenn viele Menschen glauben, dass die Menschen mit Behinderung unglücklich sind? Leben die doch in ihrer Welt und sind in der so was von glücklich …. „All inclusive“. Bei uns hier in Deutschland. Alles möglich, weil finanziert durch unsere Steuern. Steuern die der Staat einnimmt, auch einnimmt, weil die Wirtschaft so ist wie sie ist. Einschließlich der Arbeitsplätze …, nein, ich will nicht weiter denken. Wir sind auf der Sonnenseite ….

Sonnenseite-500

Es gibt Kaffee. Gedankenverloren nehme ich die mir gereichte Tasse und frage mich selbstkritisch: „Wo hast du vorgestern das Mett für den Auflauf gekauft? Und die letzte Jeans, wie viel hat die noch gekostet? Und die Brötchen – wäre mit dem Fahrrad zum Bäcker fahren nicht viel besser …?

„Absurdistan“  sage ich.

„Wie bitte?“

„Ach nix, schon gut, ich war gerade nur mal weg.“

„Ach so, in Absurdistan?“

„Ja.“

Sommerfest3-500

passend dazu: bildlich gesprochen … (7) [Absurdistan]

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^.^

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9 Kommentare leave one →
  1. 2. Juni 2014 23:55

    Kommentar dazu siehe auch unter: bildlich gesprochen … (7) [Absurdistan]

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  2. 3. Juni 2014 06:33

    Und wie absurd ist es, wenn man über all diese Dinge kritisch denkt und man dann als „ewiger Nörgler“ abgestempelt wird? Wenn Du auf eine Party kommst und alle rollen schon mit den Augen und verlassen fluchtartig den Raum, weil Du deren heile nachdenkfreie Welt zerstören willst.
    Nicht drüber nachdenken müssen – das ist die neue Freiheit. Rosarote Wolken überall, wenn man Ohren und Augen vor all dem verschließen kann.
    Apropos Absurdistan. Wie absurd ist es eine Nation dazu zu bewegen zur Wahlurne zu gehen um bei der Europa-Wahl mit zu machen – und dann aus Gründen des EU-Friedens das Ergebnis zu ignorieren?. Die Wahl hätten wir uns ja auch „schenken“ können. http://www.tagesschau.de/multimedia/video/video1397536.html
    Na gut, der Mann ist 1951 geboren – ich vermute mal, dieses Statement war seine Fahrkarte in den „Vorruhestand“… ^^
    Vielleicht das Thema für die nächsten „Sonntagsgedanken“..

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    • 3. Juni 2014 11:03

      Moin Peter,
      ich werde dir nicht widersprechen.
      In einem Beitrag neulich in einem der „Dritten“ (MDR?), nach der Europa-Wahl, ging es um die große Masse der Nichtwähler. Ein Wissenschaftler drückte das so aus, dass es Zusammenhänge zwischen der „Bildungsferne“ (welch euphemistischer Begriff) und dem Desinteresse an der Politik im Allgemeinen gibt. Damit war all das gemeint, was Politiker beeinflussen können bzw. zu verantworten haben. Und das ist ja sehr viel.
      Man könnte es auch so ausdrücken: Menschen, für die der Strom aus der Steckdose kommt und die Milch aus dem Tetrapack, interessieren sich nicht für all das Drumherum. Wie auch, wenn sie unwissend sind.
      Und kann es vielleicht sein, dass viele dieser unwissenden Menschen in ihrer Welt auch glücklich sind, gibt es Parallelen zu den Menschen mit Behinderung, so wie ich es oben beschrieben habe? Ich weiß es nicht und will mir keine Antwort anmaßen. Aber eines mag schon sein: wenn du in diese Richtung kritische Gedanken äußerst, kannst du schnell als „Nörgler“ abgetan werden.
      Eines ist mir aus dem Beitrag noch erinnerlich und hat meine (unsere) bisherige Meinung manifestiert: ursächlich ist nicht nur unser Bildungssystem, sondern auch das „bildungsferne Fernsehen“ hauptsächlich im Privatfernsehen. Ich erinnere nur an Marcel Reich-Ranicki, Deutscher Fernsehpreis 2008: Unter spontanem Hinweis auf den „Blödsinn, den wir hier heute Abend zu sehen bekommen haben“, lehnte er die Auszeichnung ab. „Wie jämmerlich unser Fernsehen ist, wie arm, wie verblödet“, sekundierte später Elke Heidenreich.
      Nachzulesen u. a. in der Welt: http://www.welt.de/fernsehen/article2564162/Reich-Ranicki-schimpft-auf-deutsches-Fernsehen.html
      Noch Fragen 😉 ??

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      • 3. Juni 2014 11:22

        Nöö, die Antwort ist klar. Hier wird eine hirntote Klientel herangezüchtet, denen schon die Entscheidung ob Sie das Bierglas beim Fernsehen in die linke oder in die rechte Hand zum trinken nehmen nicht mehr ohne Hilfe gelingt..^^ 😉

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      • 3. Juni 2014 11:36

        Irgendwie traurig, aber wahr. Noch schlimmer: was sollen diese als Eltern dann ihren Kindern beibringen? Die Verantwortung für die Bildung der Kinder allein an der Schultür abzugeben reicht doch nicht. Schulen sind auch auf die Mitwirkung der Eltern angewiesen. Das mag man kritisieren, ist aber so. Leider.

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      • 3. Juni 2014 11:50

        Das kann ich unterschreiben. Meine Eltern und Großeltern konnten mir noch größtenteils bei den Hausaufgaben helfen – natürlich auch nicht bei allen Sachen (Englisch wurde denen ja noch nicht beigebracht), aber der Wissensstand der Jugendlichen ist niedrig wie nie – hatte mir gestern noch eine Angestellte der Agentur für Arbeit gesagt. Deshalb sind so viele Ausbildungsstellen nicht besetzt. Rechnen, lesen und schreiben braucht man halt in fast jedem Beruf. Da kann ich die Personaler auch verstehen, wenn Sie abwinken – wie soll jemand, der nicht mal ein Basiswissen hat in einem Handwerksberuf (dort müssen ja auch mal Aufmaße erstellt werden, Rohrdurchmesser berechnet, Quadratmeter errechnet, Mischverhältnisse berechnet, Rechnungen geschrieben, technische Dokumentationen gelesen werden) später seine Prüfung schaffen?

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      • 3. Juni 2014 12:04

        Du bestätigst meine Erfahrungen als Integrationsbetreuer. Zumindest hier in der Region gibt es genügend Ausbildungsplätze die allein deshalb nicht besetzt werden können, oder besetzt werden, weil Schülern die Ausbildungsreife fehlt.
        Ich sag‘ mal …: „Die Würde des Menschen ist ein Konjunktiv“ (Wiglaf Droste).

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