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Der (un)politische Sport – China und so

6. Februar 2022

Die Spiele 2022 sind eröffnet. Diesmal klingt es chinesisch, der Jahreszeit entsprechend sind es die (Olympischen) Winterspiele, auch wenn in China, dort wo sich die Sportler messen, eigentlich kaum bis nie Schnee liegt. So what? Egal, dann gibt’s eben Kunstschnee.

Kritik gab es im Vorfeld zuhauf: An der Volksrepublik China, wegen den dortigen Menschenrechtsverletzungen, und am IOC, weil es die Spiele in das autoritär/totalitär regierte Land vergeben hat. Das IOC zu dem Vorwurf: Der Sport ist unpolitisch!

Bullshit!

Man muss nicht Politikwissenschaft studiert haben, um zu wissen, dass Politik nichts anderes als die Bezeichnung dafür ist, wie durch Strukturen, Prozesse und Inhalte die Angelegenheiten eines Gemeinwesens geregelt werden. Bundesjugendspiele mögen unpolitisch sein, einzelne Mitglieder einer Gesellschaft bisweilen auch, aber doch keine Olympischen Spiele. Selbst wenn sich das IOC scheinbar in einer irrealen Parallelwelt bewegt: Es gibt kein unpolitisches Gemeinwesen und der Sport ist nun mal ein Teil davon. Gleiches gilt natürlich auch für die FIFA und die Fußball-Weltmeisterschaften.

Background

Nun kann man natürlich schnell einen Boykott fordern. Und, wie ich neulich gelesen habe, dass die UNO beschließen möge, an solche Staaten wie China, Katar, eben alle, wo die Menschrechte nicht geachtet werden, keine Spiele und Weltmeisterschaften mehr zu vergeben. Toll. Toll gebrüllt Löwe. Natürlich ist die UNO überhaupt nicht legitimiert, solch einen Beschluss zu fassen und so wie so eher ein zahnloser Löwe. Vielleicht sollten wir besser mal kurz über diese Erklärung eines chinastämmigen Mitbürgers (Arzt in meiner Alten Heimat) nachdenken, die mir (vom Sinn her) nachhaltig in Erinnerung geblieben ist:
Die so genannte Alte Welt hat immer den Fehler begangen, und begeht ihn noch heute, wenn sie versucht ihre Werte auf andere Länder zu übertragen – und dabei verkennt, dass es dort traditionell andere tief verwurzelte Wertvorstellungen gibt. In der Alten Welt steht der Einzelne, das Individuum im Vordergrund und der Staat hat ihm zu dienen, in China ist es der Staat, dem alle dienen und dem sie alles unterzuordnen haben. Und überhaupt: Welche Kultur ist die ältere?

Andere Länder, andere Sitten, würde mein Großvater jetzt wohl sagen. Eine seiner Weisheiten. Ich sag‘ das lieber so:
Für die einen ist eine Rolle Toilettenpapier ein notwendiger Hygieneartikel, für andere die längste Serviette der Welt. Isso!
Letztlich will ich das hier gar nicht werten, das kann jeder selbst. Ein anderer Punkt ist allerdings mindestens genau so wichtig:
Abhängigkeiten im Rahmen der Globalisierung.
China ist heute neben den USA die mächtigste Nation der Welt – wirtschaftlich wie militärisch. Genährt durch unzählige Container-Riesen, die im Liniendienst über die Weltmeere schippern und ihre Waren verteilen. Doch wenn diese Fahrpläne durcheinander geraten, wird es kritisch. Ich denke, in den letzten zwei Krisen-Jahren haben wir deutlich die Abhängigkeit von diesem steten Warenstrom gemerkt. Das gilt allerdings für beide Richtungen. Ohne den chinesischen Markt wäre bspw. die Volkswagen AG nicht mehr einer der größten Automobilhersteller der Welt. Was das für die deutsche exportorientierte Wirtschaft bedeuten würde, kann sich sicher jeder ausmalen.
Leider wissen wir spätestens seit der USA-Trump-Ära, dass man diese Abhängigkeiten gut als Druckmittel einsetzen kann. Geben und nehmen. Wer die Macht hat, besonders die monetäre, kann Einfluss nehmen, finanzielle Hilfen versprechen und Wohlverhalten honorieren. Wenn man dann noch weiß, wie die Wahl der Olympia-Gastgeberstädte durch die IOC-Session, dem obersten Organ des IOC, abläuft, dann braucht man nur eins und eins zusammenzählen …: And the winner is: Beijing!
China demonstriert seine Macht auf eindrucksvolle Weise – in stetiger Rivalität mit den USA verbunden. Wer des einen Feind ist, ist des anderen Freund. Kein Wunder also, das Russlands Putin zur Eröffnungsfeier nach Peking gereist ist, um wegen der Ukraine-Krise den Schulterschluss mit Chinas Xi Jinping zu suchen – und zu finden – während die meisten westlichen Regierungsoberhäupter dem Event ferngeblieben sind. Das kennen wir alles aus der Zeit des Kalten Krieges und hofften so sehr, diesen Zustand überwunden zu haben.

Um nicht missverstanden zu werden: Das ist lediglich meine Situationsbeschreibung, von der ich glaube, dass sie so verkehrt nicht ist. Unbestritten, so das Mercator Institute for China Studies, hat die rasante Entwicklung Chinas zum Global-Player zu engen wirtschaftlichen Verflechtungen geführt. Die können zwar einerseits zu politischen Zwecken ausgenutzt werden, helfen jedoch anderseits, solange eine gewisse Ausgewogenheit herrscht, Eskalationen zu verhindern. Das auszubalancieren ist die hohe Kunst der Diplomatie und wir sind wieder beim Geben und Nehmen: Um des wirtschaftlichen Vorteils willen werden die humanitären Aspekte hinten angestellt. Letztlich ist uns das Hemd näher als die Hose – und wasch mich, aber mach mich nicht nass, funktioniert eben nicht.

Schönen Sonntag! Bleibt munter 😉

880 [Inhaltsverzeichnis Sven Meier erzählt | Fotoblog]

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10 Kommentare leave one →
  1. 6. Februar 2022 09:09

    Herr Meier politisiert wieder. 👍
    Ich bleibe dabei, es waren Fehler, die Olympischen Spiele wie auch die Fußball-WM in zwei Staaten zu vergeben, in denen die Menschenrechte grob missachtet werden. Andere Sitten hin oder her und unabhängig davon, wie die Entscheidungen zustande kamen.
    Ergänzen möchte ich folgendes: Neben einigen anderen europäischen Ländern hatte sich seinerzeit auch Deutschland, München, als Austragungsort für diese Winterspiele beworben. Es gab das Gerücht, dass China wohlgesonnene Lobbyisten die Gegner dieser Bewerbungen unterstützen haben. Fakt ist, dass am Ende nur noch Kasachstan als Mitbewerber übrig blieb. In der Region München hat man sich per Bürgerentscheid gegen eine Austragung der Spiele ausgesprochen. Meiner Erinnerung nach war es in der Schweiz, Norwegen und Schweden ähnlich.
    S. ☕🍩

    Gefällt 2 Personen

    • 12. Februar 2022 11:24

      Moin. Na ja, Kasachstan ist nun auch nicht ein demokratischer Rechtsstaat in Reinkultur. Wenn wir alles nach unseren westlichen Werten bemessen, dann wird es bald vielleicht keine olympischen Spiele mehr geben, wenn westliche Länder diesen Kommerz nicht mitmachen wollen. Spannende Diskussion ….
      Grüße

      Gefällt 1 Person

  2. Che permalink
    6. Februar 2022 10:59

    Wer im Jahre 2022, angesichts des kapitalistisch-faschistischen China u. den Vorgängen in Hongkong, die Olympics2022 in China schaut, hat meines Achtens nach nicht mehr alle Latten am Zaun.
    PS: Sotschi schaute man nicht u. Qatar2022 besser auch nicht.

    Gefällt 1 Person

    • 12. Februar 2022 11:29

      Moin Che, oder soll ich sagen, Herr Guevara? 😉
      Sorry für die späte Antwort. Ich würde das anders ausdrücken, aber in der Sache kann ich das Argument gut verstehen. Und ich schaue auch nicht – aber auch, weil mich olympische Spiele schon seit langem nicht mehr sonderlich interessieren. Ich bin mir nie sicher, ob wirklich imm der Beste gewinnt, oder der, der sich bei der Einnahme leistungssteigernder Mittel hat nicht erwischen lassen.
      Grüße von der Ostsee

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  3. 6. Februar 2022 17:06

    Hallo Sven! Über die chinesische Führung mit all ihren Verstößen will ich mich jetzt keineswegs auslassen, aber wenn der Bach auf dem Bildschirm erscheint, wird mir fast noch übler. – Die größte Weltpolizeirolle spielen ja immer die USA, aber Deutschland kann das teilweise auch recht gut.
    Ein gutes, vernünftiges Miteinander gibt es schon lange nicht mehr – es geht nur noch um Stärke und Macht.
    Regnerische Grüße zu dir
    Im Moment habe ich bei dem immer noch sehr starken Wind eine Stellung in der Balkontürverriegelung gefunden, wo es nicht reinpfeift. Ich traue mich jetzt gar nicht, auf den Balkon zu müssen.

    Gefällt 1 Person

    • 12. Februar 2022 11:33

      Moin Clara.
      Sorry für die späte Antwort, bin zurzeit ein bisschen out of order.
      Ja, vom Bach bin ich menschlich einfach nur enttäuscht. So wie der sich an die Herrschenden ranwanzt, eben auch an Autokraten, Diktatoren, ist das, sehr euphemistisch ausgedrückt, nicht mehr schön.
      Viele Grüße, das Sofa ruft 😉

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      • 12. Februar 2022 12:23

        Lieber Sven, ich hoffe ganz sehr, du hast dir nicht die Krankheit mit C geholt. Deine mit B ist zwar auch nicht schön, aber ich denke, mit der kommst du besser zurecht als mit Corona. Alles Liebe und alles Gute für dich

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