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Der Ball ist rund …!?

6. Oktober 2020

 

DER BALL IST RUND.

Meiner hat eine Delle.

Von Jugend an drücke

und drücke ich; aber

er will nur einerseits rund sein.

Günter Grass

 

Gestern war Deadline-Day. Das mag martialisch klingen, ist jedoch nicht mehr als das Ende der Fußball-Transferperiode in Deutschland. Gestern bis 18:00 Uhr mussten alle Spielerwechsel abgeschlossen sein, seitdem geht nichts mehr. Bis zur nächsten Wechselperiode im Winter. Weil ich am Wochenende unterwegs war und es gestern geregnet hat, habe ich einen Sofa-Tag eingelegt und hin und wieder auf die Sky-Sport-News-Seite gezappt.

Oh ha. Ich musste an das Gedicht von Günter Grass denken, diesem alten Fußball-Freund und Querdenker. Gefühlt hatte er stets ein Widerwort zu den simplen Weisheiten des Leben parat. Gott habe ihn selig. Ich weiß zwar nicht, wann GG dieses Gedicht geschrieben hat, aber er wird seinerzeit schon nicht (mehr) mit den einfachen Fußball-Thesen einverstanden gewesen sein und hat vielleicht eine Entwicklung geahnt, die dem Literaten (& Nobelpreisträger) missfiel.

Ja, Sepp Herbergers „der Ball ist rund“ oder „ein Spiel dauert 90 Minuten“. Was ist daraus geworden? Heute gibt es zu jedem Spiel eine Nachspielzeit und „Abseits ist, wenn der Schiedsrichter pfeift“, stimmt so auch nicht mehr, denn meistens entscheidet das der Videobeweis.

Doch das wird GG nicht gemeint haben, eher der Ball ist rund, im Sinne von Fußball ist eine runde Angelegenheit: Einfache Regeln, elf gegen elf, das Runde muss ins Eckige und welche Mannschaft das einmal mehr schafft, die hat gewonnen. So rund mag das noch vor 100 Jahren gewesen, als 1920 der kicker erstmalig erschien und sich seitdem zum Organ des deutschen Fußballs entwickelt hat. Vielleicht auch noch 1954, das Wunder von Bern, als NWDR-Radioreporter Herbert Zimmermann sein „Rahn schießt! – Tooor! Tooor! Tooor! Tooor!“ ins Mikrofon brüllte und Deutschland erstmalig Weltmeister wurde. Vielleicht, ich weiß es nicht, zu der Zeit hat noch niemand an mich gedacht. Doch spätestens bei der nächsten gewonnenen Weltmeisterschaft, 1974, spielte Business eine große Rolle und bei der dritten gewonnen Weltmeisterschaft, 1990, dürfte jeder deutsche Spieler bereits Millionär gewesen sein. Von 2014 will ich gar nicht reden – der Fußball ist mittlerweile so was von kommerzialisiert und dadurch ungleich geworden, dass man das nicht mehr schön finden muss. Oder nicht mehr rund, eben halbrund mit Delle. Meinetwegen auch mit Beule. 😉

Zurück zu gestern, Deadline-Day. Das war Boulevard-Journalismus par excellence und die müssen Unmengen an Kaffee gekocht haben, um im Abfallprodukt Kaffeesatz lesen zu können. Nun ja, jedem seine Meinung. Amüsant finde ich es immer, wenn genau das Gegenteil dessen eintritt, was die Experten vorher gemeint haben. Höhö 😉 Ich weiß noch, wie vor einem Jahr die Kaderplanung des FC Bayern von einigen Journalisten verrissen wurde und die Münchener genau mit diesem Kader das Tripple gewonnen haben. Chapeau! Das haben noch nicht viele europäische Mannschaften geschafft. Der Rest, na ja. Spieler werden von den Vereinen und Spielerberatern hin und hergeschoben, wie Figuren auf einem Schachbrett. Dazu passt die kolportierte Nachricht, dass der Spieler Douglas Costa am Sonntagabend auf telefonische Nachfrage noch nicht wusste, ob er morgen, also heute gestern, noch Spieler bei Juventus Turin oder bei den Münchener Bayern sein würde. Wie gesagt, Schachbrett …!

Fußball ist wie Schach.

Nur ohne Würfel.

Lukas Podolski

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4 Kommentare leave one →
  1. 7. Oktober 2020 10:00

    Günter Grass und Fußball? Krass. Das hätte ich nicht geglaubt. Aber ich pflichte ihm bei, der Fußball – von dem ich nach wie vor keine Ahnung habe – hat jedenfalls in der Außenwikung eine gehörige Delle. In diesem System ist alles absolut auf Kante genäht, dass es nicht gesund sein kann.
    Wenn ich lese dass Bremen zwar einen Spieler für 11 Mio. verkauft aber trotzdem kein Geld für einen neuen Spieler hat, dann frage ich mich, wie in diesen Vereinen gewirtschaft wird.

    Gefällt 1 Person

    • 7. Oktober 2020 10:24

      Moin, ja, Günter Grass und Fußball. Und wie! Natürlich hatte er ein Faible für die Außenseiter und war, so ist es zu lesen, Fan vom FC St. Pauli und dem Freiburger FC. Allein das macht ihn mir schon sympathisch 😉
      Im Lübecker Grass-Haus gab oder gibt es sogar eine Ausstellung dazu: Günter Grass, der Fußballfan.
      Siehst’e, hast’e wieder was gelernt 😉
      Das noch: Bis auf die Bayern, Dortmund mit Fragezeichen, kannst du alle Vereine als „Ausbildungsvereine“ bezeichnen. Die bilden junge Fußballspieler aus, steigern so deren Marktwert und müssen sie dann teilweise verkaufen, um ihren Etat auszugleichen. Von daher ist manch ein Manager nicht fürcherlich traurig darüber, dass die englische Liga so viel Geld hat.

      Gefällt 1 Person

  2. 13. Oktober 2020 22:18

    Mein Klassiker:
    „Wenn die Eckfahne Nutella-Fahne heißt, höre ich auf.“
    Manni Breuckmann

    Liken

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  1. He seggt so und se seggt so | Sven Meier erzählt

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