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Solange sich das System nicht ändert …

7. Oktober 2020

Gestern. Einkaufen bei REWE. Ich stehe in der Schlange vor der Kasse. Hinter mir stellt sich ein mittelaltes Pärchen an, Typ Blouson, Jogginghosen, Sneaker, alles dunkel, er mit Glatze. Nun ja, wem’s so gefällt.

Mit Blick auf die Einkaufskartons im Kassenbereich fängt er an ihr zu erzählen, besser gesagt, er doziert mit gedämpfter Stimme, dass das doch alles eine „Verarsche“ sei, „Pappkartons sind nicht umweltfreundlicher wie die Plastebeutel, mit diesen Pappsachen will man nur die Holzwirtschaft unterstützen“, bla bla bla. Ich will schon auf Durchzug stellen, als sein Satz: „Solange sich das System nicht ändert, ändert sich in Deutschland gar nichts!“, mich aufhorchen lässt. Faschisten-Sprech? Sorgsam lege ich meine Stirn in Falten, ziehe die Augenbrauen hoch und blicke ihn mit leichtem Kopfschütteln an. Ich sage nichts, er ist plötzlich still und ihre Gesichtsfarbe macht in dem Moment alle Steigerungsformen von rot durch.

Auf dem Weg zu meinem Auto denke ich an ein neulich abgespeichertes Bild, ich glaube es wurde von Ruprecht Polenz getwittert, bin mir aber nicht sicher:

Solange sich das System nicht ändert …? Ich frage ich mich und antworte mir selbst: „Was bitte soll man an unserem System ändern? Wir sind ein freiheitlich demokratischer Rechtsstaat mit einer sozialen Marktwirtschaft und einer pluralistischen Gesellschaftsordnung. Gegenüber allen anderen ist unser System doch gut, grundsätzlich – oder nicht?“
Die beiden Jogginghosen steigen einige Meter weiter in ihr Auto ein. Sie würdigen mich keines Blickes, meiner fällt jedoch auf das Kennzeichen und ich murmele vor mich hin: „Shit, warum müssen sich Klischees immer wieder bewahrheiten?“ Nun ja, wir leben eben in einer Urlaubsregion und da kann man so einiges erleben.

Nachgedanken

Auf dem Weg nachhause gehen mir ein paar Gedanken durch den Kopf. War das eben ein Beispiel par excellence für meine Irritationen vom 3. Oktober? Hat der Mann vielleicht eine Vorstellung von Demokratie, wie sie in Ungarn oder Polen herrscht? Will er auch parlamentarische Mehrheiten in einen absoluten Machtanspruch umdeuten, dem sich alles – auch das Recht – unterzuordnen hat? Fühlte sich der Mann vielleicht schon allein durch meinen grummeligen Anblick in seiner Meinungsfreiheit beschränkt? Motto: Das wird man doch noch sagen dürfen …. Ich weiß es nicht – und es ist mir in diesem Moment auch egal.

Noch ein Gedanke kommt auf: Was haben wohl die Alten damals über uns Jungen gedacht, als wir, jedenfalls viele, mit der Rose in der Faust bestenfalls gleich die ganze Welt verbessern wollten? Die Alten, die sich allesamt bis 1945 irgendwie mit dem Nazi-System arrangiert hatten, teils zum eigenen Schutz, teils aus Überzeugung, und die nicht selten mit ihrer sehr konservative Einstellung nichts von gesellschaftliche Reformen hielten. Für diese Alten, Ausnahmen bestätigen die Regel, waren wir Revoluzzer, Radikalinskis, Nichtsnutze oder bestenfalls naive Weltverbesserer. Tja, so war das vor 40, 50 Jahren. Dabei ging es uns – mit Ausnahme der extremen Linken – doch in erster Linie darum:

Der Muff sollte weg! Ein frischer Wind sollte wehen. Freiheit, Gerechtigkeit, Solidarität. Heute als Ü60 denke ich, dass wir einiges erreicht haben, die Welt ist in meinen Augen eine bessere – wenngleich das System ehrlicherweise mehr uns verändert hat als umgekehrt. Wenn allerdings Rechtspopulisten & Co. behaupten, dass wir nur noch in einer linken pro-forma-Demokratie leben, einem System, was geändert werden muss, dann erregen sie einen gewollten Irrtum, der nur der AfD nutzt, Wahlergebnisse von über 20 Prozent zu erzielen.
Nein, solange sich das System nicht ändert, solange leben wir zwar in keiner perfekten Welt, aber in der besten, die wir je hatten. Das ist meine feste Überzeugung!

Zum Einkaufskarton

Bevor ich etwas falsches sage, habe ich nachgelesen. Auf der Seite des NABU heißt es, ich kopiere:
„Ganz gleich welches Material: Keine Tüten- oder Beutelberge anhäufen. Auch Papiertüten und Baumwollbeutel sind ökologisch nicht besser als Plastiktüten, wenn sie nicht mehrfach genutzt werden.“
Logisch, was die Herstellung betrifft. Aber Papp-, Papier- oder Baumwollsachen können nicht als Mikroplastik in unseren Meeren landen.

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6 Kommentare leave one →
  1. 7. Oktober 2020 09:32

    Was passierte in den Jahren

    Wie du doch das Treiben satt hast!
    Immer wirft dich diese Flut
    An ein unbekanntes Ufer,
    Und dir fehlt schon lang der Mut,
    Neuen Küsten zu begegnen.
    Du bist müde, gräbst dich ein
    Und beschließt für alle Zeiten,
    Nie mehr heimatlos zu sein.
    Und das nennt sich dann erwachsen
    Oder einfach Realist.
    Viele Worte, zu umschreiben,
    Dass man feig geworden ist.

    Was passierte in den Jahren,
    Wohin hast du sie verschenkt?
    Meistens hast du doch am Tresen
    Das Geschick der Welt gelenkt.
    Und die fiel nicht aus den Angeln,
    Höchstens du fielst manchmal um,
    Und für die, die du bekämpft hast,
    Machst du jetzt den Buckel krumm.

    Auch du wolltest wie die andern
    Fest in einem Weltbild stehn.
    Statt die Ängste zu durchwandern,
    übst du, sie zu übersehn.
    Manchmal jagst du für Sekunden
    Deinen Zweifeln hinterher,
    Doch aus Sorge um die Wunden
    Bleibst du lieber ungefähr.

    Und dann triffst du noch die Kämpfer
    Aus der guten alten Zeit,
    Fesche Jungs mit drallen Frauen,
    Und ihr lächelt alle breit.

    Was passierte in den Jahren,
    Wohin hast du sie verschenkt?
    Meistens hast du doch am Tresen
    Das Geschick der Welt gelenkt.
    Und die fiel nicht aus den Angeln,
    Höchstens du fielst manchmal um,
    Und für die, die du bekämpft hast,
    Machst du jetzt den Buckel krumm.

    Und ich frag mich, ob ich wirklich
    So viel anders bin als du.
    Zwar, ich kleide meine Zweifel
    In Gedichte ab und zu,
    Das verschafft paar ruhige Stunden,
    Eigentlich ist nichts geschehn.
    Ach, es gibt so viele Schliche,
    Um sich selbst zu hintergehn.
    Doch da muß jetzt was passieren,
    Zuviel Zeit ist schon verschenkt,
    Und es wird von den Erstarrten
    Das Geschick der Welt gelenkt.
    Und die fällt bald aus den Angeln.
    Komm, wir gehen mit der Flut
    Und verwandeln mit den Wellen
    Unsre Angst in neuen Mut.

    Konstantin Wecker

    Nehme besonders die letzten Zeilen, die passen zu den Klimaaktivisten. Im Grunde ist es heute wie vor 50 Jahren: Wir haben den Alten keine gesellschaftlichen Reformen zugetraut und die jungen Leute von heute trauen uns heute Alten nicht die nötigen Veränderungen zum Schutz unseres Klimas zu. Nur mit dem Unterschied, dass heute die jungen Klimaktivisten mehr Unterstützung aus unseren Reihen erfahren, als wir damals.

    Gefällt 3 Personen

  2. 7. Oktober 2020 09:34

    Verflixt, den Liedtext habe ich reinkopiert, aber die Zeilenumbrüche sind verloren gegangen. Kannst du das reparieren?

    Gefällt 1 Person

    • 7. Oktober 2020 10:11

      Moin. Alles gut, passt doch. Und zu deinen letzten Zeilen will ich dir – wie üblich – nicht widersprechen 😉
      Danke für den Text. Das Lied kenne ich, ich hätte es jetzt aber Hannes Wader zugeordnet. Auf alle Fälle hat er es auch gesungen. Aber Wader hat sich ja häufiger bei anderen Liedermachern bedient.
      Grüße von der Ostsee!

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  3. 7. Oktober 2020 15:06

    Sven, das mit der Taube habe ich mir SOFORT kopiert und werde es in mehrfacher Ausfertigung ausdrucken. Das kann ich so wunderbar gebrauchen!
    Danke

    Gefällt 1 Person

  4. Albert permalink
    10. Oktober 2020 12:48

    Vielleicht hat der Herr eine Änderung des Wirtschaftssystem gemeint, eine Abkehr vom gnadenlosen Wettkampf und grenzenlosem Wachstum? /A.

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Trackbacks

  1. Gut wieder hier zu sein | Sven Meier erzählt

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