Zum Inhalt springen

Vergangenheit im Spiegel

12. Dezember 2020

„Wer die Vergangenheit nicht kennt,
kann die Gegenwart nicht verstehen
und die Zukunft nicht gestalten.“

Wer hat’s gesagt? Tipp: Ein großer Philosoph war er nicht, höchsten von der Körperlänge (193 cm), aber ein bedeutender Europäer, Politiker mit dem Zusatz der VI.
Richtig, Helmut Kohl war’s, der VI. Bundeskanzler, in einer Rede 1995 vor dem Deutschen Bundestag.

Seit 1989 (aus Gründen) kaufe ich mir jährlich eine Jahres-Chronik. Ein Rückblick zum Stöbern, zum Nachlesen. Wir vergessen leider viel zu schnell und manchmal ist es gut, sich wieder an die jüngste Vergangenheit zu erinnern. Wenn man dann liest, wer was wann vor Monaten zu diesem und jenem gesagt hat, dann kommt man bisweilen ins Grübeln.

Oli Welke von der heute-SHOW hat bspw. gestern ein Prof-Drosten-Interview-Video aus dem April raus gekramt. Ich verbuche das unter Realsatire. Fakt ist, dass das, was wir heute mit dem Coronavirus erleben, von Prof. Drosten vor Monaten als reale Gefahr aufgezeigt wurde. Manchmal – unter Voraussetzungen von … – ist Wissenschaft eigentlich recht einfach berechenbar, aber mit den Ergebnissen tun wir uns schwer. Na ja, die heute-SHOW wäre keine Satiresendung, wenn Welke dem Professor nicht den Titel Drostradamus verliehen und ihn für eine Sendung bei Astro-TV vorgeschlagen hätte. Tja, wenn wir nur alle auf die Wissenschaft gehört hätten. Und natürlich auf Kanzlerin Merkel:

Es ist nun mal wie es ist. Allerdings ist die Wissenschaft nur das eine, die wirtschaftlichen Kollateralschäden und die soziale Isolation älterer Menschen und von Heimbewohnern das andere. Der Abwägungsprozess bei den Maßnahmen – als Grundrechtsbeschränkungen müssen die verhältnismäßig und als mildestes Mittel erforderlich sein – ist für mich auch ein ethischer, aber bitte nicht auf Bild-Niveau!

Hellhörig sollte jedoch jeder werden, wenn unsere Intensivmediziner um Hilfe rufen, weil das Personal am Rande der Belastbarkeit ist und Kapazitäten knapp werden. Mehrfach haben sie erklärt, dass freie Betten nichts nützen, wenn das Personal dazu fehlt. Ebenso weisen sie darauf hin, dass nach wie vor natürlich auch Intensivpflege-Betten für Herzinfarkte, Schlaganfälle, und so weiter, benötigt werden.

Ich erinnere mich an ein Telefonat mit meiner Lieblings-Intensivpflege-Fachkraft. Das ist rund vier Wochen her und schon damals sagte sie mir, dass sie langsam volllaufen und sie Angst davor habe, irgendwann einen Nicht-Corona-Notfall abweisen zu müssen, weil die Beatmungsplätze mit Corona-Patienten belegt sind. Dann würde ich am liebsten jeden von denen fragen, ob er an einer dieser Corona-Demos teilgenommen hat. … Nein, sie erklärte mir dann gleich, dass sie jeden behandeln würden …. Aber ich verstehen jeden auf unseren Intensivstationen, der auf auf solche Gedanken kommt.

Wie der Zufall so spielt, sehe ich gestern diesen Artikel auf Twitter, zumindest auch euronews hat darüber berichtet:

Ich verstehe das nicht. Diese Querdenker und ihre Verschwörungstheorien. Wenn tatsächlich Bill Gates & Co. uns mit der Impfung einen Mikrochip für was auch immer implementieren wollen, dann hätten diese Menschen mehr künstliche Intelligenz in ihrem Oberarm als natürliche im Kopf. Oder so ähnlich. Das passt dazu:

Das ist mir noch aufgefallen: Ich habe in der letzten Zeit so oft gehört ICH KANN DAS NICHT MEHR HÖREN! Gemeint ist das Corona-Thema und ja, ok, das verstehe ich. Das geht mir ja so ähnlich. Darum bin ich mittlerweile ein Fan vom DLF (Deutschlandfunk). Da habe ich noch das Gefühl, dass es um die Nachricht als solche geht und diese nicht nur das Mittel zum Zweck ist. Wenn ich allerdings sehe, was die Leute lesen, dann erinnert mich das an Helene Fischer: Niemand hört ihrer Lieder, aber jeder kennt ihre Texte. Arbeitslos durch die Nacht … oder so ähnlich.

Ein letzter Rückblick für heute: Als unsere EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen am 16. September ihre Rede zur Lage der EU hielt und eine Reduzierung der Treibhausgase bis 2030 um 55 % gegenüber 1990 verkündete, ließ die Kritik – u. a. von Greta Thunberg, nicht lange auf sich warten.

Gestern haben sich tatsächlich die 27 EU-Mitgliedsländer auf das ambitioniertere Reduktionsziel verständigt. Das ist besser – aber nicht gut genug, kommentiert Britta Fecke im DLF. Ja, leider ist das keine Einzelmeinung. Schlimmer noch: Die Riege der Wissenschaftler sieht das grundsätzlich auch so. Vielleicht heißt es irgendwann, siehe oben: Tja, wenn wir nur alle auf die Wissenschaft gehört hätten. Und natürlich auf Kanzlerin Merkel. Die weiß jedoch, dass mehr zurzeit politisch nicht durchsetzbar ist.

Beim Klimawandel gibt es zur Corona-Pandemie allerdings einen maßgeblichen Unterschied: Die Auswirkungen …. Und vielleicht sollten wir mitunter mal in den Spiegel schauen und uns ehrlich fragen, ob wir in der Vergangenheit wirklich alles getan haben, was wir hätten tun können?

Wie auch immer, passt auf euch auf und bleibt negativ.
Das wäre absolut positiv 😉

787

12 Kommentare leave one →
  1. 12. Dezember 2020 20:12

    Nachtrag: Das habe ich eben per Mail dazu von meiner Lieblings-Fachkraft bekommen, mit dem Untertitel:
    Über so viel Kaltherzigkeit kann ich nur kotzen!

    Gefällt mir

  2. 13. Dezember 2020 17:48

    Hallo Sven, Freitag 22.30 Uhr ist fest verplante Zeit im Kalender – aber der Herr Ehring hat sich auch in mein Herz geredet – zumindest mit den meisten Sachen.
    Die Spiegelchroniken sind ja interessant – die meisten Leute darauf kennt man ja. Aber wer ist 2016 das große Foto – die mit dem „Blut“ im Gesicht?
    Das mit der BILD und der Beleidigung für den toten Fisch ist ja herrlich.
    Dein Nachsatz mit AfD-Frau A.W. (und ihrem Hundekrawattenbegleiter) – Verstand scheinen sie ja zu haben, sonst wäre sie nicht promoviert – doch offensichtlich nutzt sie ihn für die falsche Sache.
    Lasse es dir trotzdem gut gehen – wünscht Clara

    Gefällt 1 Person

    • 14. Dezember 2020 10:13

      Moin Clara.
      Ja, extra3, Christian Ehring, sehe ich auch gerne – wie Satiresendungen im Allgemeinen. Nur mit Nuhr habe ich in der letzten Zeit so meine Probleme. Bei dem habe ich das Gefühl, dass er mehr seine eigene Meinung kundtut, die ich nicht teile, und das unter dem Deckmantel der Satire. Aber das ist natürlich nur meine subjektive Sichtweise und Geschmäcker sind nun mal verschieden.
      Der „mit dem Blut im Gesicht“ ist David Bowie, ein zu seinen Lebzeiten sehr erfolgreicher britischer Popmusiker. Im Januar 2016 ist er, 69, an Krebs gestorben. Ad hoc fallen mir seine Songs „Hereos“ und „Absolute Beginners“ ein – und sicherlich hast du die irgendwann auch mal im Radio gehört.
      Und die AfD … da brauchen wir sicherlich nicht drüber reden. Ich hoffe & bete mal, dass die nie nirgends mal etwas in Regierungsverantwortung zu sagen haben werden.
      Habe eine schöne Woche, wir lesen uns!

      Gefällt mir

      • 14. Dezember 2020 10:24

        Danke für die Erklärungen. Seit 2004, als das so massiv mit meinen Ohren begann, höre ich so gut wie nie Radio – es ist nämlich so, dass ich nur einer Geräuschquelle folgen kann – wenn Radio läuft, würde ich kaum etwas anderes hören, noch nicht mal die Klingel. – Jetzt höre ich ja grundsätzlich alles – entweder über Kopfhörer am Computer, oder über Bluetooth direkt in die Hörgeräte am Fernseher. Gut, mit der Kiste könnte ich auch Radio einstellen – aber wenn ich außer Fernsehen noch was darüber höre, sind das Hör-CDs.
        Deswegen käme ich bei „Wer mit Millionär“ auf keinen grünen Zweig, weil ich in der Musikszene so gar nicht bewandert bin.
        Mit Dieter Nuhr hast du recht – der wird immer seltsamer. Hildebrandt fehlt mir, aber es gibt zum Glück noch einige Gute bis Mittelgute – besser jedenfalls, als ununterbrochen Fallzahlen- und Lockdownmeldungen zu hören.

        Gefällt mir

      • 14. Dezember 2020 11:21

        Oh ja Clara, der Hildebrandt, der Dieter.
        Allzu gerne erinnere ich mich an den Auftritt, als ich ihn zum letzten Mal live gesehen haben. Das war 2012 in Eckernförde.
        -> Link
        Eine seiner Aussagen nehme ich mit zunehmendem Alter immer mehr an:
        „Etwas habe ich mittlerweile widerwillig gelernt: Das Altern kann man nicht auf morgen verschieben, weil man dann noch älter ist. Deshalb sollte man mit dem Altern früh genug anfangen, damit man Freude daran hat.“
        Er wusste wovon er sprach. Ich vermute, er wusste damals auch schon von seiner Erkrankung, an der er ein Jahr später verstarb. Ach ja ….

        Gefällt 2 Personen

      • 14. Dezember 2020 11:45

        „Das Altern kann man nicht auf morgen verschieben, weil man dann noch älter ist. Deshalb sollte man mit dem Altern früh genug anfangen, damit man Freude daran hat.“ – super super schön, da habe ich ja nichts falsch gemacht, als ich keine Falte im Gesicht oder am Hals versteckt habe 🙂

        Gefällt 1 Person

      • 14. Dezember 2020 11:50

        Um den Hermann-van-Veen-Auftritt beneide ich dich genau so wie um Dieter Hildebrandt. Aber für mich wären Live-Besuche echt rausgeschmissenes Geld – deswegen bin ich so „reich“, weil ich das nicht mache, da ich ja eh zu wenig verstehe. Dann doch lieber übers Fernsehen oder CD.

        Gefällt 1 Person

      • 14. Dezember 2020 11:57

        Sind sie denn nicht köstlich:
        Ich bin ein Pessimist, der sich mit Gewalt in den Optimismus stürzt. …
        Mich regt die Tatsache auf, dass sich niemand aufregt. …
        Die ARD macht sich in jede Hose, die man ihr hinhält. …
        Seit die Zukunft begonnen hat, wird die Gegenwart täglich schlechter. …
        Geheime Empfehlung durch öffentliches Verbot.

        Gefällt 1 Person

  3. 15. Dezember 2020 08:27

    Wenn Kohl recht hat, und für mich hat er recht, dann sollten die Geschichtsstunden in den Lehrplänen verdoppelt werden. Mit Blick auf die Geschichte würden manche Leute dann vielleicht nicht soviel Stuss labern.

    Gefällt 1 Person

  4. Albert permalink
    16. Dezember 2020 11:26

    Warum ist das so, dass wir uns so schlecht an die jüngere Vergangenheit erinnern? Oder erinnern wollen? Ist es uns vielleicht peinlich, dass wir uns dann eingestehen müssten, wider der Vernunft gehandelt zu haben? /A.

    Gefällt 1 Person

Trackbacks

  1. Meiers Rückblick 20/12 in 100 Sekunden | Sven Meier erzählt

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: